Was können die Volksmärchen für das ganze Leben bedeuten?
Jeder von uns Erwachsenen wird – hoffentlich – in seiner Kindheit von Märchen begleitet worden sein, die ihm von nahen Menschen – Eltern, Großeltern, Lehrern....vorgelesen oder erzählt worden sind.
Durch die kindliche Phantasie erblühen die Märchenmotive in der Seele meist in so intensiven Farben, wie wir nüchternen Erwachsenen es uns nicht mehr „träumen" lassen können.
Sind die echten Märchen nun aber nur ein schöner Zeitvertreib oder haben sie , als Seelennahrung, nicht doch eine tiefe, auf das ganze Leben hin ausstrahlende Wirksamkeit?
Es geht da um Liebe, Treue, Edelmut, Opferbereitschaft, Demut, Frömmigkeit, Fleiß, aber auch um Klugheit, Listigkeit, Neugierde, Leichtsinn, Faulheit und um böse, grausame Taten oder harte Strafen, die verhängt werden; die Konsequenzen der Taten sind oft drastisch! – Ich möchte hier nur wenige Beispiele heraus greifen, die der geschätzte Leser ja gerne im Zusammenhang des ganzen Märchens in der Grimm’schen Sammlung nachlesen kann.
Ein Märchen, das mir für „unsere" Kinder, die seelische oder seelisch-leibliche Unvollkommenheiten zu tragen haben, als von besonderer Bedeutung erscheint, ist „Das Eselein": Dieses erlernt, trotz seiner „Eselshände", meisterhaft die Laute ( der „Esel" ist ja das Bild für den physischen Leib – so spricht Franziskus von Assisi liebevoll von seinem „Bruder Esel") zu spielen und verschafft sich damit den Zugang zum Königsschloss und zum Herzen der Prinzessin; nachts, im Schlafbereich, vermag er seine wahre, schöne Jünglingsgestalt zu zeigen und durch den klugen Rat des Dieners gelingt, es von dieser Verkleidung, Verzauberung erlöst zu werden. – In jedem Menschen steckt also ein strahlendes, höheres Urbild, der Königssohn, die Prinzessin, einerlei, wie er nach außen hin erscheint.
Wie weit kommen wir im Leben mit Fleiß oder Faulheit? – Bei „Frau Holle" können wir das sehr wohl erfahren! – Die fleißige Stieftochter wird gedemütigt bis zum Tode hin. Auch im Jenseits erfüllt sie die Aufgaben, die ihr die Welt zuruft; sie schüttelt gleich die reifen Äpfel, sie versorgt geschickt das Brot, sie dient ohne Furcht viele Jahre der strengen Frau Holle und wird, als sie wieder die Sehnsucht nach der harten Erde ergreift, zum Lohn mit Gold überschüttet. – Die neidische, faule Tochter meint, mit Lässigkeit und Verachtung eben so weit zu kommen.....(denken wir daran, dass die Faulheit im Mittelalter als eine der sieben Todsünden galt). Schließlich wird sie für ihre Haltung mit zäh haftendem schwarzen Pech „belohnt"!
Im Märchen von „Spindel, Weberschiffchen und Nadel" bevorzugt der Königssohn das fleißige Waisenmädchen vor den reichen, aufgeputzten Töchtern.
So könnte man noch hunderte richtungsweisende Lebensmotive schildern. Abschließend noch eines aus dem „Froschkönig": Um wieder an ihr Lieblingsspielzeug, der versunkenen goldenen Kugel zu gelangen, gibt die kecke Prinzessin dem „dummen Frosch" das erwünschte Versprechen – lässt ihn aber leichtfertig zurück. Als sie dann, nach dem Anklopfen, im Königssaal ihrem Vater von der Begebenheit am Brunnen erzählen muss, hält dieser sie streng an: „Was du versprochen hast, das musst du halten!" Sie muss den Frosch also an die Festtafel lassen, ja sogar bis in ihr Schlafgemach. Nur so kann dieser endlich von seiner Zaubergestalt erlöst werden.
Es gibt viele, viele Schätze in den Grimm’schen Märchen und in allen echten inspirierten Volksmärchen zu entdecken. Motive und Vorbilder von Gerechtigkeit, Schicksalsausgleich und Hoffnungslicht, die in den Tiefen der Seele durch ein ganzes Leben wirken können, wenn wir diesen Erzählstoff den Kindern nahe bringen.
Besonders angeregt fühlen kann man sich durch den Umstand, das ja hier in unserer Kasseler Umgebung vor knapp 200 Jahren die feinsinnigen Gebrüder Grimm diese Märchenschätze sammelten und der gesamten Weltkultur übergaben.
......die Märchen..."Und da sie nicht gestorben sind,
so leben sie noch heute!"
PS: Auch wir Erwachsenen dürfen Märchen lesen und uns von ihnen beschenken lassen.
Joachim Neumann-Heyme
Lehrer der 1.Klasse