In Lauterbad ist immer was los

 

Am 16. Oktober rollten viele Autos nach Lauterbad und in Lauterbad hinein: Die Kinder wurden zu den Herbstferien abgeholt. Aber irgendwie war es nachmittags und abends anders als sonst bei Ferienanbruch. Die tüchtigen Damen der Hauswirtschaft hatten sehr lange gearbeitet, vieles herumgeräumt, geputzt und schön gemacht. Und abends waren nicht alle Kindergruppen leer und einige Leute huschten mit "Organisier - Miene" an einem vorbei.

 

Am Freitag, den 17. Oktober entpuppte sich dann, wem alle Vorbereitungen galten: es kamen noch mehr Menschen an - Mamas, Papas und Kinder. Lauterbad wurde "echt" voll. Zuerst stürmte die Menge in den Speisesaal. Dort gab es Kuchen und Kaffee (und für die Kinder wahrscheinlich Saft) und eine offizielle Begrüßung, nämlich die Begrüßung zur diesjährigen Eltern-Arbeitswoche. Es hat sich wahrscheinlich herumgesprochen, dass in Lauterbad mit Vorliebe viel gearbeitet und besprochen wird; und so schloss sich an die Begrüßung auch gleich eine Arbeitsbesprechung an.

 

Und dann ging´s los. Und wie!

 

Als ich mit meiner eigenen kleinen Kindergruppe auf einem harmlosen Spaziergang ging, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Wir waren umgeben von vielen kraftvoll arbeitenden und freundlich grüßenden Leuten. Das finden wir sonst zwar auch vor, doch an diesem Tag trafen wir eine Menge Leute mehr als sonst. In die "heilpädagogische" Atmosphäre des Heim-Alltags mischte sich eine andere frohe und - auch wenn es widersprüchlich klingen mag - festliche Schaffensatmosphäre. Diese hielt auch die nächsten Tage an, unterstützt von strahlendem Herbstwetter, das nur montags pausierte.

 

Die Eltern wimmelten tatsächlich überall herum - im Park, im Garten, auf dem Spielplatz, in allen Häusern, auf den Wegen dazwischen und zu regelmäßigen Zeiten auch im Speisesaal. Wie im Handumdrehen prangten die Wege im Park frei von Gras und Unkraut, war das Dach des Spielhäuschens am Sandkasten neu gedeckt usw. Wir waren sehr davon beeindruckt, mit welch großem Eifer und mit wie viel Energie gearbeitet wurde. Weiß man doch, dass die Eltern nicht eben erst aus dem Urlaub gekommen waren und auch abwechslungsreichen Herbstferien entgegensahen.

 

Wie auch immer - bis zum Dienstag, den 21. Oktober, schufteten die Eltern munter weiter und mit ihnen die Lauterbader Mitarbeiter (darin einbezogen seien alle, die in Lauterbad mit - arbeiten). Die Lehrer versteckten sich zeitweise im Schulhaus. Dort roch es bald so intensiv nach "Auro" - oder "Livos" - Farben, dass die Annahme nahe lag, dass hier viel gemalt, eingewachst, lackiert o.ä. wurde bzw. worden war.

 

Gruppenbetreuer, Praktikanten und Lehrer hatten also auch eine Arbeitswoche. Und wo sie nicht mit Projekten zu tun hatten, so waren sie inmitten einer Schar von Kindern. Zum Teil kannten sie diese Kinder vom Alltag, dazu kamen einige Geschwisterkinder.

 

Da war dann schon auch was los und ansonsten wurde etwas los gemacht: z.B. Basteleien mit Kastanien, Drachensteigen, Ausflüge zum Edersee - Tiergehege oder zum Kleintierzoo, die unumgängliche Kaffe- bzw. Kuchenpause zwischendurch und das Tummeln auf dem Spielplatz.

 

Der Spielplatz wurde unversehens und ungeplant oft zu einem Ort der Begegnung. Es war schön, Kinder mit ihren Geschwistern zu sehen und zu erleben. Vor und nach den Kinderbetreuungszeiten trafen hier manche Eltern zusammen mit den Betreuern und anderen, wie Mitarbeiterfamilien. Dabei entwickelte sich manch interessantes Gespräch, manchmal "small talk" - die Hauptsache war, dass man zusammentraf und sich gegenseitig wahrnehmen konnte.

 

Auf dem Spielplatz erfuhr ich auch von anderen als den oben erwähnten "outdoor" - Projekten: es wurde gemalt, gemalt hier, gemalt dort (wahrscheinlich ist ganz Lauterbad neu gestrichen), Möbel abgeschliffen und lackiert, Wände holzvertäfelt, vieles repariert und so weiter und so fort.

 

Vielleicht habe ich nicht alle Aktivitäten erwähnt, wofür ich mich ggf. entschuldige. Es ist nur ein subjektiver Bericht von dem, was ein Halb-Außenstehender quasi "aufgeschnappt" hat. Doch ganz sicher weiß ich, wie sehr alle elterlichen Bemühungen von allen Kindern, allen Mit-Arbeitern und allen Augenzeugen anerkannt und hoch geschätzt werden. Diese Anerkennung für besondere Leistungen möge sich auch erstrecken über die Menschen in der Küche, Hauswirtschaft und der Hausmeisterei.

 

Die Emsigkeit wurde am Sonntagmorgen unterbrochen von einer Wanderung durch den golden glänzenden herbstlichen Habichtswald. Kind und Kegel, gutes Wetter und gute Laune und viele Gespräche waren mit dabei.

 

Abends, die Kinder im Bett, wurde gedanklich weitergearbeitet. Manch ein Kopf und manch ein Gemüt mag sich erwärmt, wo nicht erhitzt haben an den Worten, Gedanken, Vorträgen von Herrn Callegaro und Frau Dobiaschowski. Das übergreifende Thema war "Wärme". Und dazu gibt es ja viele Aspekte: seelische Wärme, physische Wärme, in bezug auf Nahrung und Nahrungsaufnahme, in bezug auf Kleidung, Beitrag des Wärme-Elements in der Entwicklung des Kindes. Es gab eine rege Beteiligung.

 

Zu guter Letzt sei noch ein musischer Aspekt der Arbeitswoche erwähnt: vor dem Frühstück trafen sich die Eltern täglich zum gemeinsamen Singen.

 

Und nach dem Abendessen kam es auch zu ein wenig Musik und Besinnung beim Abendlied. Alle, so verstreut sie auch unter Tages mit verschiedenen Dingen beschäftigt waren, standen beisammen, sangen ein Lied bzw. lauschten diesem und sprachen einen Spruch. So wurde der Tag zu einem gemeinsamen Abschluss gebracht.

 

Die Arbeitswoche wurde am Dienstag zu einem Abschluss gebracht. Sie hat viel für Lauterbad bedeutet. Für die Lauterbader Kinder hat es auch viel besonderes gebracht: zum Einen, weil sie erlebt haben, wie ihre Eltern dabei Hand anlegen, es für sie schöner zu machen. Zum anderen erlebten sie Eltern und Lauterbad als eine Welt - sonst sind das ihrer Erfahrung nach zwei verschiedene Welten.

 

Am Dienstag nach dem Mittagessen hörten wir also wieder die Motorengeräusche, diesmal von davonfahrenden Autos. Auch viele Mit-Arbeiter fuhren in Ferien. Der Platz leerte sich also - aber nicht ganz, denn:

 

in Lauterbad ist immer was los

 

und die Bagger und Presslufthammer und Sägen und Lastwagen und...

werden weiterhin in Betrieb genommen.

 

Lauterbad ist seit nun drei Monaten eine Baustelle. Die Arbeiter gehören schon zu unserem Alltag dazu und manch Kind/Jugendlicher hat sich mit dem einen u./o. anderen Arbeiter angefreundet. Wahrscheinlich wissen die Arbeiter schon genaustens über Lauterbad, und was hier läuft, Bescheid. Die Wasser- und Drainage-Rohre kennen sie ganz gewiss. Das Haupthaus wurde "trocken gelegt". Darüber freuen sich z.B. die Fahrräder im Fahrradkeller.

 

Die Arbeiter, alle sehr freundlich und ihre Pflicht erledigend, erzeugen einiges an Lärm. Manche, v.a. die Bewohner des Haupthauses,, mussten auch Gewohnheitsänderungen hinnehmen: ihnen wurde die Treppe geklaut und sie können nur durch das Bürohaus ihre Zufluchtsstätten erreichen.

 

Es sieht so aus, als könnten die Haupthäusler bald ihre alten Geh-Gewohnheiten wieder aufnehmen: schon haben die Arbeiter schöne rote Stufen bis zur Tür hinauf formiert. Es fehlen zwar noch die Geländer, aber das kommt natürlich noch und dann ist sie wieder frei begehbar. Das Haupthaus hat am meisten eingesteckt im Zuge der Baumaßnahmen, aber es hat auch am meisten gewonnen. Das Dach wurde neu gedeckt und eben der Eingangs-Bereich neu gestaltet und Drainagerohre rund ums Haus verlegt. Oben und unten stimmt´s also wieder.

 

Und die Mitte? Da werden die Heilpädagogen und sonstige ästhetisch und handwerklich angehauchte Leute schon dafür sorgen, dass die Fassade erneuert wird. Nächsten Sommer? Mal sehen, ob in der Kasse dafür noch genug Geld liegt. Schließlich haben die bisherigen Sanierungsmaßnahmen rund 300 TDM verschlungen. Allerdings finanziert größtenteils durch Rücklagen, welche die Mitarbeiter durch einen einmaligen Verzicht auf das Weihnachtsgeld vor ein paar Jahren gebildet haben.

 

Der Weg von der Werkstufe zum Johannes-Haus wurde neu gepflastert. Nun kommt er genauso gut raus, wie der Weg vom Gebrüder-Grimm-Haus zum Speisesaal. Dieser war schon in den Osterferien verlegt worden. Also, auch die Osterferien zeichneten sich durch Bauarbeiten aus. Wenn also Ruhe ins Land einkehrt, durch die Abreise der Lauterbader, dann rücken auf der anderen Seite die Arbeiter an. So kommt es eben, dass in Lauterbad immer etwas los ist.

 

Heidi Döring

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