Über unser Klassenspiel "Parzival"

 

Als sich das vergangene Schuljahr seinem Ende näherte, schoben wir in der Werkstufenklasse trübe Gedanken: Andreas Sch., Kathrin, Sascha und Sanela würden nach den Sommerferien nicht nach Lauterbad zurück kehren, und auch Andreas St. und Maren würden nicht mehr lange bei uns sein.

Da wollten wir zum Abschied noch etwas richtig Schönes tun: ein Klassenspiel einüben.

 

Die Geschichte von Parzival handelt von einem, der aus Unbesonnenheit viel falsch macht, durch schwere und durch schöne Lebenserfahrungen viel dazulernt und schließlich die richtigen, alles erlösenden Worte finden kann. Diese Thematik passte wunderbar zu uns allen, und so machten wir uns ans Werk.

 

Zuerst befassten wir uns mit dem frühen Mittelalter und dem Rittertum, denn wir wollten doch wissen, in welcher Zeit unsere Geschichte angesiedelt ist. Wie lebten die Menschen damals, wie kleideten sie sich, wie bauten sie ihre Burgen, was taten sie den ganzen Tag? Wir lernten Sitten kennen, die bis heute gelten: "Bitte nicht ins Tischtuch schneuzen!", und andere, die heute auf wenig Gegenliebe stoßen: "Benutze statt dessen deinen Ärmel!"

 

Dann verteilten wir die Rollen und stürzten uns die in Proben. Da keiner vom "Klassenleitungsteam", bestehend aus Herrn Bünsow, Herr Kasten und mir, viel Erfahrung im Einstudieren von Klassenspielen hatte, kam uns anfangs Frau Wolter kompetent zur Hilfe.

 

In ihrem Bemühen, "Flüsse flüssiger und Berge bergiger" zu machen, spielte Frau Wolter Sanela eine übertriebene Geste des Entsetzens vor und Sanela kopierte diese meisterhaft!

 

Ülgen starb so manchen Tod auf der Bühne, denn die Kunst war, den tödlichen Zusammenbruch so zu gestalten, dass die "Leiche" hinter und nicht vor dem Vorhang lag. Bei der Aufführung hat es geklappt! Jörg überzeugte uns als energischer Schwarzer Ritter. Stefanie lernte im Verlauf der Proben wunderbar , das allgemeine Tempo mitzuhalten. Unsere wunderschöne Königin Maren lernte, würdevoll über die Bühne zu schreiten, anstatt zu hopsen. Und dass eine Königin auf dem Thron nicht die Beine übereinander schlägt, ist doch klar!?

 

Sebastian hatte als weiser Gurnemanz für unseren Parzival eine Menge edler Ratschläge parat. Nur dass man "stets die Frauen preisen" solle - ei verflixt, das war ihm doch zu fremd.

 

Andreas St. konnte seinen Text schon bald recht gut, doch eine Zeile machte ihm zu schaffen: Anstatt: "Reiß ab dein schönes Prachtgewand" sagte er (oder besser: sprach es aus ihm?) stets: "Reiß ab dein schönes preises Prachtverband". Mit zäher Geduld übte er, bis er die Zeile richtig konnte. Er hat es geschafft! Der "Prachtverband" hat sich als geflügeltes Wort in der Werkstufenklasse gehalten.

 

Andreas Sch. sorgte für Ordnung. Neben seiner Ritterrolle schleppte er getreulich Requisiten, zog den Vorhang und schob orientierungslose Mitspieler auf die richtigen Plätze.

 

Sascha lernte den gesamten langen Text von einem Tag auf den anderen auswendig. Auch das Schauspielern fiel ihm bewundernswert leicht. So hatte er genügend Energien frei, in regelmäßigen Abständen Tobsuchtsanfälle zu inszenieren und seine Hauptrolle hinzuschmeißen. Doch letztendlich ließ er uns nicht im Stich - wir wussten, dass wir uns auf dich verlassen können, Sascha!

 

Steven arbeitete in seiner doppelten Königsrolle als Artus und Amfortas an einer wahrhaft königlichen Haltung. Ansonsten hatte er zahlreiche Ideen, wie man an die perfekten Requisiten und Kostüme herankommen könne: Kulissen beim Staatstheater holen, Originalritterrüstungen im Rittersaal der Löwenburg ausleihen, ein Fischernetz bei der Fischereibehörde anfordern ... . Leider hat das alles nicht so recht geklappt, so dass wir uns auf unsere eigenen Möglichkeiten besinnen mussten. Hier kam das gut eingespielte Team Kathrin - Herr Bünsow zum Zuge. Gemeinsam stellten sie aus Pappmaché, Metall und Goldlack professionell aussehende Hellebarden, Lanzen und Kelche her.

 

Als der Aufführungstermin, der letzte Schultag vor den Sommerferien, heranrückte, heuerten wir noch mehr Hilfe an: Herr Hellbrück sorgte für wunderschöne Musik, Herr Pramann zog pünktlich die Vorhänge auf und zu, Frau Gabbe half fleißig bei den zahlreichen Kostümwechseln, und Herr Ruhnau wurde unser Kameramann. Euch allen nochmals herzlichen Dank! Soviel Hilfe macht Hoffnung - die Aufführung wurde ein schöner Erfolg. Das Schlusslied "Freud und Jubelschall, hier und überall, preis sei Parzival!" kam aus vollen und dankbaren Herzen.

 

Liebe Jugendliche, ihr wart einfach prima!

 

Obwohl von unserer Besetzung inzwischen fünf Jungendliche abgegangen und drei Neue dazugekommen sind, bemerke ich bis heute den sozialen Zusammenhalt, der aus den gemeinsamen Proben und Aufführen gewachsen ist. Gemeinsam sind wir ein kleines Stück weg von der Unbesonnenheit hin zur Reife gegangen.

 

Ursula Sauer

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