Alle Methode ist Rhythmus.

Hat man den Rhythmus der Welt weg -

So hat man auch die Welt weg.

Jeder Mensch hat seinen individuellen Rhythmus.

Rhythmischer Sinn ist Genie.

 

Novalis

Über die Rhythmische Massage

 

Im Zeitenlauf durch die verschiedenen Kulturepochen gab es auf dem Gebiet der Massage schon zahlreiche, sich wandelnde Techniken. Sie reichen von den lebensnahen Handhabungen der Naturvölker bis zu den heutigen Methoden der wissenschaftlichen Auffassung.

 

Die Rhythmische Massage versteht sich als eine Erweiterung der klassischen Massage. Sie beruht auf den Erkenntnissen der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde Rudolf Steiners und ist im Rahmen der anthroposophischen Medizin entstanden.

 

Entwickelt und durchgearbeitet wurde die Rhythmische Massage in den 20er Jahren von Frau Dr. Ita Wegman (Arlesheim, Schweiz). Der Mensch wird immer in seiner lebendigen Ganzheit von Leib, Seele und Geist gesehen. Welche Beziehung hat das Physisch-Leibliche zum Seelisch-Geistigen? Je nach Befinden und Krankheitsbild wird diese Massage in abgewandelter Form angewandt und geht so individuell auf den Menschen ein.

 

Alles Lebendige wird von rhythmischen Prozessen getragen. So auch unser Organismus. Rhythmus entsteht immer da, wo zwei Pole miteinander in Beziehung treten. Als gängige Beispiele seien der Schlaf-Wachrhythmus, der Herzrhythmus und die Ein- und Ausatmung genannt. Die Atmung ist ein rhythmischer Prozess, der zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen dem Binden und Lösen schwingt: Einatmung - Sauerstoff wird an das Blut gebunden; Ausatmung - Kohlensäure wird gelöst. Soll der Mensch gesund bleiben, müssen diese Rhythmen gepflegt werden. Rhythmen haben, dem Wasser, Kosmos und Körper abgelauscht, eine heilsame Wirkung auf Leib, Seele und Geist. So haben sie ja insbesondere in der Heilpädagogik einen großen Stellenwert.

 

Wer hat nicht schon am Meeresstrand dem rhythmischen Wellengang zugeschaut und zugehört? Keine der Wellen ist wie die andere und dennoch bilden sie eine harmonische Einheit. Dieses sich Verbinden von Luft, Wasser und Wärme in einen Gleichklang ist das eigentliche Element der Rhythmischen Massage. Der lebendige Rhythmus hat nichts mit dem Takt zu tun, der monoton-maschinell und ermüdend wirken kann.

 

Sinn und Ziel der Rhythmischen Massage ist es, den Organismus mit seinen rhythmischen Funktionen zu helfen, das verlorene Gleichgewicht wiederzufinden. Dabei sollen die Eigenheil- und Aufbaukräfte angeregt werden. Ein gestauter oder verhärteter Organismus wird im Sinne einer individuellen Ganzheitsbehandlung neu belebt und durchströmt.

 

So unterscheidet sich die Rhythmische Massage durch zwei wesentliche Merkmale von anderen Methoden:

 

- Zum einen geht die Rhythmische Massage vom dreigliedrigen Menschen als Ganzheit aus.

Daraus ergibt sich die Möglichkeit von vier Qualitäten, den vier Elementen (mineralischer Leib, Luftorganismus, Flüssigkeitsorganismus, Wärmeorganismus).

  Das rhythmische System wirkt harmonisierend und schafft einen Ausgleich zwischen den Polaritäten von Nerven-Sinnessystem und dem Stoffwechsel-Gliedmassensystem. Hier im mittleren Bereich setzt die Rhythmische Massage an. Verhärtende Tendenzen gehören mehr zum Kopfmäßigen. Das Auflösende, Ausfließende tendiert zum Stoffwechsel. Im Krankheitszustand überwiegt mal der eine, mal der andere Pol. Die Pole durchdringen sich selbstverständlich gegenseitig.

- Zum anderen ist die Rhythmische Massage keine Druck-, sondern eine Saugmassage. Sie zeichnet sich durch eine speziell entwickelte Handhabung mit verschiedenen Formen und Griffqualitäten aus, die alle Saugcharakter haben. Diese Griffqualitäten sind aus dem rhythmischen Element geboren. Sie lassen sich u.a. aus den unterschiedlichen Erscheinungsformen, die uns das Wasser zeigt, ableiten. Dabei wird vom Auftrieb ausgegangen, der allen Flüssigkeiten zu Grunde liegt. Durch die saugenden Griffqualitäten wird der Auftrieb im Flüssigkeitsmenschen angeregt. Die Schwere im Kreislauf wird überwunden.

 

Die Grundgriffe bauen auf der klassischen Massage auf: Streichen, kneten, walken, Friktionen, Vibrationen und Klopfungen. Die Griffe sind rhythmisch atmende, saugend strömende Bewegungen, die fließend ineinander übergehen. Mal sind sie anschwellend, mal abschwellend, mal beruhigend oder verlangsamend. Auch die Qualität der Berührung wird unterschiedlich ausgeführt: zart <----> kräftig, punktuell <----> flächig.

 

Eine vielfältig eingesetzte Bewegungsform ist die Lemniskate (geometrische Form der Acht). Ausgeführt wird sie mit beiden Händen, je nachdem gleich- oder gegenläufig, an- oder abschwellend. Sie ist besonders hilfreich bei Gelenkproblemen, zum Ausgleich von Fehlspannungen und zur Anregung des Wärmeorganismus.

 

Ganz besondere Sorgfalt gilt der Pflege des Wärmeorganismus, der heutzutage allzu oft gestört ist und somit eine Grundlage für Erkrankungen bilden kann.

 

Durch Organeinreibungen werden die Organe in ihrer Funktion gestärkt und durchwärmt. Unterstützt wird die Wirkung der Massage durch verschiedene Öle und Metall-Salben, welche nicht als Gleitmittel, sondern als Heilmittel dienen.

 

Die Behandlungen erfolgen auf Grund ärztlicher Verordnungen

 

Was bei der Behandlung aktiviert, angeregt und verinnerlicht wird, soll in einer anschließenden Ruhephase nachklingen, sozusagen zur Ausatmung kommen.

 

In der Heilpädagogik hat sich die Rhythmische Massage erfahrungsgemäß als ein großer Heilfaktor erwiesen. Die Kinder sind noch in großem Maße bildsam und reaktionsfähig. Hierbei ist es ganz besonders wichtig, subtil darauf hinzuschauen, wie sich die Kinderseele in ihrer Leiblichkeit fühlt. Ist das Kind mehr in sich gefangen? : Das Kind erlebt eine Schranke zwischen Innenleben und der Außenwelt (autistisches Kind). Gibt es sich zu sehr an die Außenwelt hin und "fließt aus"?: Das Kind hat Mühe eine Distanz zwischen sich und der Außenwelt zu schaffen (hysterisches Kind). Dies äußert sich u.a. in der Atmung und dem Stoffwechsel. Je nachdem wird mit fließenden, lösenden oder mit bindenden, plastisch-formenden Massagegriffen gearbeitet. Behandelt wird im Sinne eines Auf- oder Abbaus.

 

In der Regel wird die Behandlung von den Kindern dankbar angenommen und sie genießen diese besondere Einzelsituation in einer entspannten Atmosphäre voller Ruhe und Wärme. Eine weitere positive Begleiterscheinung in der Heilpädagogik ist die Bewusstseinsbildung für die eigene Leiblichkeit, sozusagen ein "In die Füße kommen".

 

Immer aber geht es darum, Hilfestellung zu leisten, um die Selbstheilungskräfte im Kinde anzuregen und seinen Leib als Instrument der Seele bewohnbar zu machen! Im Hinblick auf den ganzheitlich, individuellen Menschen und die Vorstellung seines gesunden Wesenskerns verwandeln sich (bei dieser Art der Anschauung) die Krankheitsbilder in Prozesse.

 

Besonders bewährt haben sich in der Heilpädagogik folgende Behandlungen und Anwendungsgebiete:

 

- Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen (kalte Gliedmassen, Ein- und Ausatmung)

- Pflege und Anregung des Wärmeorganismus

- Vertiefung der Atmung, Verbesserung der Herz-Kreislauf-Funktion, Anregung der Lymphgefäßmotorik (im       rhythmischen Bereich verlaufende Prozesse)

- Verdauungsstörungen oder Störungen im Verdauungssystem

- Ernährungs- und Wachstumsstörungen

- Verschiedene Verkrümmungen und Deformationen an den Gliedmassen und der Wirbelsäule

- Fehlspannungen im Muskel- und Bindegewebe sowie Haltungsschäden aller Art

- Abbau von Ablagerungen und Stauungen im Gewebe

- Besonders erfolgreich können Bettnässer behandelt werden

- Schlafstörungen (Einschlaf- und Durchschlafstörungen)

- Hilfe für nervöse Kinder (sog. Zappelphilipp, bzw. in Richtung ADS-Syndrom)

- Schlaffe und spastische Lähmung (Spastiker)

- Bei Hysterie und Epilepsie

 

  Hildegard Fiedler

Therapeutin

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